Der Augenblick ist Ewigkeit
3.8.2026 – Das „Flow-Trio“ mit dem „Jazzenden Pfarrer“ Dennis Müller macht die Menschen in der Stadtkirche Untertürkheim sprachlos.
Ein paar gezielte Anschläge auf dem Flügel – und sofort ist klar: hier erkundet ein Jazz-Pianist improvisierend sein Terrain – und lässt sich von den Tönen finden.
Aus kleinen, hingehauchten Akkorden entwickelt Dennis Müller ein monumentales Klang-Universum mit vibrierender Klarheit und mitreißenden Emotionen.
Ihm eilt inzwischen ein nicht geringer Ruf voraus: Als Mann mit „Doppelqualifikation“ (Pianist und Pfarrer an der Friedenskirche Ludwigsburg) kann er nicht nur ansonsten etwas gering besuchte Kirchen zum (ewigen?) Leben erwecken, sondern füllt inzwischen sogar, wie kürzlich, die Liederhalle in Stuttgart.
Und so verwundert es nicht, dass die kleine Stadtkirche St. Germanus in Untertürkheim (berühmt durch die monumentale Bildwand von HAP Grieshaber) am ersten Augustsonntag beim „Jazzenden Pfarrer“ bis auf den letzten Platz besetzt ist.
Das Publikum sucht genau das: eine musikalische Predigt ohne große falsche Worte und „Wake-up“-Brimborium.
Während Dennis Müller mit Mario Steinheil (Kontrabass) und Felix Schrack (Schlagzeug) die Kirche mit meditativen Klängen füllt oder leidenschaftlich stehend in die Tasten haut, spürt man, wie sich eine innere Stille um das Publikum legt wie der warme umhüllende Mantel einer Madonna. Das Publikum ist aber auch „Mitspieler“: Beim rhythmischen Klatschen oder auch Pfeifen entsteht ein Gesamtkunstwerk durch die gemeinsame Aktion, bis sogar manche Figuren des Kunstwerks von Grieshaber Kopf stehen. Eine Resonanz blitzt auf, wie der Soziologe H. Rosa sie heute in unserer Gesellschaft schmerzlich vermisst. Das Pfeifen in „Blackbird“ von den Beatles sollte allerdings noch etwas geübt werden.
Und mit einem Mal ist es gar nicht mehr so wichtig, welches Stück das Trio gerade spielt, ob Pop oder Jazz, Crossover oder „Fusion“, und wer gerade ein spannendes Solo präsentiert oder welche zungenbrecherischen Titel die Kompositionen und Improvisationen tragen („Heelsidechickenturn“): Eine tönende, warme Stille breitet sich in der Stadtkirche aus. Das Trio entfaltet eine Ästhetik des Augenblicks – „The Spirit of now!“ – die „Konsumieren“ durch „Erleben“ ersetzt und mit Geist erfüllt, im Wortsinne „be-geist-ert“.
In seinem Alterswerk und poetischen Testament „Vermächtnis“ (1829), wie auch schon in seinem „Faust“, hat J.W.Goethe die unermessliche Bedeutung des Augenblicks hervorgehoben: „Der Augenblick ist Ewigkeit.“ Ein intensiv erlebter Moment („Verweile doch, du bist so schön!“) schließt die gesamte Zeitachse aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich ein und verbindet so das tote (aber immer noch wirkmächtige!) Vergangene mit einer lebendigen (und offenen!) Zukunft. So wird der kurze Augenblick Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.
In einer Zeit, in der nur noch das Schrille Konjunktur hat, ist Stille als solche, aus der Musik kommt und in die sie verschwindet, bereits ein Geschenk, das dankbar empfangen wird. Sogar das Präsent für die Musiker wurde schweigend übergeben, um die Weihe des
Augenblicks nicht zu stören.
Vielleicht sollte das Trio nächstes Mal das Stück „4’33“ von John Cage spielen – und sogar länger als vorgesehen! Das Publikum kann schon mal etwas üben, damit es mithalten kann!
(Text: Doris Caumanns –
Foto: Rosy Schwing)









